I thought I made a mistake once but it turned out it was a creative moment. (Scott Fleming)

Eine kleine Einführung in die Lomographie

Autor: Ralf-Jürgen Stilz | Datum: 16. März 2010 | Kategorie: Lomographie

Der Fortschritt beschert unseren Digitalkameras immer mehr Megapixel, größere Displays und unzählige Features. Aber gerade in dieser schnelllebigen Zeit – dem Zeitalter der Digitalfotografie – kehrt so mancher ambitionierte Fotograf den digitalen Mechanismen den Rücken zu und widmet sich den analogen Ursprüngen. Ob es nun eine alte Mittelformatkamera von Hasselblad oder Mamiya wird, eine Polaroid Sofortbildkamera oder eine Canon/Nikon aus dem vordigitalen Zeitalter, das obliegt den Wünschen der Fotografen. Aber die Faszination analog zieht viele in ihren Bann. Mir persönlich liegt eine ganz bestimmte Art der analogen Fotografie am Herzen, die auch eine ganze Vielzahl eigener Photoapparate umfasst: die Lomographie.

Wave (LCA)

Ihren Ursprung hat die Lomographie lustigerweise gleich an zwei geschichtsträchtigen Orten, nämlich in Wien und in St. Petersburg. Die Kleinbildkamera LOMO-Kompakt-Automat (LC-A) der St. Petersburger Firma LOMO inspirierte zu Beginn der 90er Jahre eine Gruppe Studenten aus Wien und herausgekommen ist eine neue Art zu fotografieren: das Lomographieren – gerne auch als „lässige Schnappschussfotografie” beschrieben. Hierbei geht es nicht um Bildgestaltung oder Komposition. Es geht um Spaß! Lomographien entstehen durch Spontanität, sind bunt, verrückt, unscharf, verwackelt, schief, mehrfach belichtet und – in meinen Augen – einfach nur schön.

Car Porn (Actionsampler)
Car Porn (Actionsampler) Creative Commons License Ralf-Jürgen Stilz

Aber es gibt auch Regeln, man nennt sie

Die zehn goldenen Regeln der Lomographie

  1. Nimm die Kamera mit, wohin auch immer Du gehst!
  2. Benutze die Kamera Tag und Nacht!
  3. Lomographie ist Teil Deines Lebens!
  4. Schieße aus der Hüfte!
  5. Geh so nah heran wie möglich!
  6. Denke nicht nach!
  7. Sei schnell!
  8. Es ist vorher nicht wichtig zu wissen, was Du auf den Film gebannt hast!
  9. Erst recht nicht nachher!
  10. Kümmere Dich nicht um irgendwelche Regeln!

Die wohl bekannteste Regel Nr. 4 (shoot from the hip!) beschreibt den Charakter der Lomographie meines Erachtes am besten.

Stoned Man (Holga)
Stoned Man (Holga) Creative Commons License Ralf-Jürgen Stilz

Neben der legendären LC-A gibt es noch viele andere Kameras, die sich nach und nach als Lomo-Kameras etabliert haben. So z.B. die chinesische Mittelformatkamera (!) Holga, die Features mitbringt, die bei modernen Kameras einfach nicht mehr zu finden sind: Unschärfen, Streulichter oder gar Farbverfälschungen. Das besondere Highlight der Holga sind übrigens die streng limitierten Einstellmöglichkeiten. Ihr merkt schon, worauf ich hinauswill: „Reduce to the max!“.

Die Tatsache, dass eine im konventionellen Sinne technisch fehlerhafte Fotografie gefühlsmäßig wirksamer sein kann als ein technisch fehlerloses Bild, mag auf jene schockierend wirken, die naiv genug sind zu glauben, dass technische Perfektion den wahren Wert eines Fotos ausmacht.
[Andreas Feininger]

Die „Fehler“ der Kameras werden durch die Lomographen zelebriert und gerne werden die Bodies der meist günstigen Lomokameras auch modifizert, z.B. durch das Hinzufügen selbst gebohrter Löcher im Gehäuse, um etwa Fehlbelichtungen zu erzielen. Richtig gehört! Aber keine Angst, beim Kauf einer Holga ist schone eine Rolle Klebeband im Lieferumfang, um selbst gebohrte Löcher wieder ordnungsgemäss zu verschliessen.

Stoned Girl (LCA)
Stoned Girl (LCA) Creative Commons License Ralf-Jürgen Stilz

Des Weiteren bietet die Lomographische Gesellschaft noch den Actionsampler, die Fisheye No. 2 Kamera, eine Diana oder z.B. die Panoramakamera Horizon an. Alles Kameras haben eines gemeinsam: Es sind analoge Photoapparate, fotografieren also auf Film (es gibt sogar eigene Lomofilme). Auf diversen Plattformen im Netz kann man nicht selten ein Schnäppchen machen, sollte jedoch beim Zustand der Kameras genau aufpassen. Eine 25 Jahre alte LC-A kann unter Umständen nicht mehr ganz alltagstauglich sein. Wer auf Nummer Sicher gehen will, der kauft im Fachhandel oder direkt bei der lomographischen Gesellschaft.

Kita (Fisheye 2.0)
Kita (Fisheye 2.0) Creative Commons License Ralf-Jürgen Stilz

Aber wie bekommen diese Lomographen ihre Fotos nur so bunt, so schräg, so übersättigt hin, wenn sie doch gar kein Photoshop nutzen? Nun, auch das ist einfach erklärt: Die Lomographen bedienen sich einer Technik namens Crossentwicklung (auch: crossen). Ein Dia-Film wird hierbei wie ein Farbnegativfilm mit dem C41-Verfahren cross entwickelt wird, anstelle des sonst üblichen E6-Verfahren. So erhält man ein sehr kontrastreiches Negativ auf klarem Trägermaterial. Die Lomographen pflegen sogar Listen, welcher Film von welcher Marke welche Fehler bei der Cross-Entwicklung aufzeigt. Mittlerweile bringt die Lomographische Gesellschaft auch eigene Filme heraus, die entsprechende Farbverfälschungen aufweisen, da nicht mehr viele Fotolabors eine Crossentwicklung anbieten.

Königsallee (LCA)
Königsallee (LCA) Creative Commons License Ralf-Jürgen Stilz

Zum Abschluss meiner kleinen Einführung in die Lomographie möchte ich Euch noch zwei der bekannteren Lomographen aus der Szene vorstellen, damit Ihr Euch selbst einmal einen ersten Eindruck über professionelle Lomographie machen könnt. Schaut Euch in einer ruhigen Minute einmal Websites von Maya Newman und Kevin Meredith an. Beide sind schon lange im Geschäft und auch ein gutes Beispiel dafür, dass man mit lässiger Schnappschussfotografie und billigen Kameras tatsächlich Geld verdienen kann.

Jahrmarkt (LCA)
Jahrmarkt (LCA) Creative Commons License Ralf-Jürgen Stilz

Ob es sich bei der Lomographie um Kunst handelt, hängt vom Auge des Betrachters ab, wie übrigens so vieles im Leben. Lomographie ist im Grunde nichts anderes als Schnappschussfotografie, aber gerade das Crossen, die unmöglichen Perspektiven, die gekonnt in Szene gesetzten Alltagsmotive und die bewusste Auseinandersetzung mit dem analogen Medium, fern der digitalen Möglichkeiten, macht es in meinen Augen sehr wohl zu einer Art Kunst. Mal ganz abgesehen von den vielen Projekten, die durch die riesige Community der Lomographen weltweit betrieben werden, und den stetigen Versuch, den Alltag bunt und fröhlich zu gestalten. Ist es nicht genau das, was Kunst ausmacht?

4 Kommentare bisher

  1. Das ist ein toller Artikel!! Habe ihn gebannt gelesen und bin 150 Prozent deiner Meinung. Die Cross technik ist mir neu, aber ich danke für den Tipp! Ich will mir jetzt selbst eine Lomo Kamera anschaffen und habe ja jetzt einen kleinen Überblick über die Modelle.
    Normalerweise kommentiere ich nicht. Daher ist es vermutlich (m)ein ganz besonderes Lob an den Autor.

    Liebe Grüße,
    Miriam

  2. Ich verstehe das mal als Lob und sage artig DANKESCHÖN! Falls Du mehr Infos benötigst, frag’ einfach!

  3. top
    toller artikel und tolle bilder
    habe mich jetzt auch für die Diana F+ Black Jack entschieden und werde mir dazu noch whsl eine holga leisten….

    bis dann
    hacke

  4. Hallo Ralf!
    Dein Artikel ist wesentlich besser als der von wikipedia und ich hab das Foto angeklickt weil “lustigerweise ” druntersteht. Ich hab vor Jahren mal was über Lomo gelesen und dank Internet kann ich jetzt endlich mal in Erfahrung bringen was das ist. Meine Tochter (4) hat einen Kinderfotoapparat bekommen (Fischer Price) ohne Blitz, alle Innen-Fotos total unterbelichtet und verwackelt. Aussen-Fotos aber echt genial, dadurch dass mein Mädchen automatisch auf Hüfthöhe fotografiert. Dank dieses Artikels werd ich den Fotoapparat nicht entsorgen sondern die interessantesten Fotos aufheben.

    Mein Beitrag ist zwar banausenhaft und noch dazu digital, aber dein Beitrag hat mich voll inspiriert. Danke!

Trackbacks/Pingbacks

  1. photoappar.at » Lomographie » Holga: Eine chinesische Mittelformatkamera • 16. 03. 2010

    [...] Die Holga ist eine außergewöhnlich günstige chinesische Mittelformatkamera. Und mit günstig meine ich wirklich billig! Die Holga wurde ursprünglich als Volkskamera in China konstruiert (erstmals 1982 in Hongkong). Mit der Zeit hat sie ihren Weg aber auch zu uns in den Westen gefunden. Dort geniesst sie einen gewissen Kultstatus, vor allem in der Lomographie. [...]

  2. photoappar.at » Lomographie » Meine Lomo Fisheye No. 2 Kamera • 23. 04. 2010

    [...] auf die Fotos gepasst hat (z.B. die eigenen Füße). Sie eignet sich somit hervorragend zur Lomographie! Mahnmal Stelenfeld (Fuji Finecolor ISO100) Ralf-Jürgen [...]

  3. Foto-Reporter.de • 3. 05. 2010

    Fotografie-Best-Of: Glorreiche fünf Lesetipps aus der Foto-Blogosphäre…

    Fotografie macht produktiv: Diesen Eindruck gewinnt man zumindest bei einem Blick auf den steten Strom von Artikeln, die Tag für Tag zu diesem Thema erscheinen. Fünf wirklich lesenswerte Highlights finden Sie in dieser Übersicht – ein Klick bring…

  4. photoappar.at » Lomographie » Mein LOMO-Kompakt-Automat (LC-A) • 14. 05. 2010

    [...] Und mit alles, meine ich natürlich die Lomographie (Eine kleine Einführung in die Lomographie). [...]

  5. photoappar.at » Fotografie » Hipstamatic: mein stetiger Begleiter • 9. 06. 2011

    [...] mein Leben auf eine ganz unprofessionelle und unkomplizierte Art und Weise. Streng nach der dritten goldenen Regel der Lomographie: Lomography is not an interference in your life, but part of [...]

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